Die
Verantwortlichen der Hartz-IV-Gesetze behaupten noch immer
treuherzig, die Agenda 2010 habe die "Sozialschmarotzer" zur
Vernunft gebracht. "Wer zumutbare Arbeit verweigert, wird
mit Sanktionen bestraft!" - so die frohe Botschaft. "Diesem
Zwang könne sich kein Erwerbsloser entziehen, also gibt
es so gut wie keinen Sozialmissbrauch mehr". Wie
naiv sind Politiker, die derart dummdreist daherreden? Denn
Tatsache bleibt doch, dass in einem demokratischen
Rechtsstaat es keine probaten Mittel gibt, notorischen
Arbeitsverweigerern eine akzeptable Arbeitsleistung
abzuringen. Was
bitte will man machen, wenn Faulpelze über
Rückenschmerzen oder Migräne klagen? Will man
Gewalt anwenden oder die Beschwerden oder Erkrankungen
anzweifeln? Die zahlreichen Feldversuche (zum Beispiel beim
Spargelstechen) haben es doch gezeigt: Bei Zwangsarbeit
kommt selten etwas Vernünftiges heraus. Selbst
wer keine Krankheit vorgaukelt, braucht Sanktionen kaum zu
fürchten. Es genügt, sich bei der Arbeit
unmotiviert und ein wenig dusselig anzustellen! Wer nichts
von der Hand bekommt oder gar durch ungeschickte Handgriffe
Schaden anrichtet, wird schnell wieder nach Hause
geschickt. Nur
ein Beispiel für das Ausmaß der Misere: Inmitten
der Weltwirtschaftskrise im Januar 2010 sucht ein Berliner
Reinigungsunternehmer 100 Reinigungskräfte und bietet
sozialversicherungspflichtige Vollzeitjobs mit einem
Stundenlohn von 8,40 Euro (mit Aufstiegschancen). Das
Berliner Arbeitsamt nimmt sich der Sache an und schickt 130
in Frage kommenden Erwerbslosen einen Vorstellungstermin.
Nur etwa 35 Leute reagieren auf diese Einladung. 30 davon
machen schon beim ersten Bewerbungsgespräch aus ihrer
Abneigung für diesen Job keinen Hehl. Von den 130
Angeschriebenen nehmen schließlich fünf Leute die
Arbeit auf, wovon vier nach drei Tagen gar nicht mehr
erscheinen. Nun
müssten ja eigentlich für die Arbeitsverweigerer
die berühmt-berüchtigten Sanktionen greifen. Doch
so weit kommt es nicht, Theorie und Praxis klaffen weit
auseinander. Denn
viele eingeschüchterte Sachbearbeiter haben einfach
Angst, sich mit ihrer Klientel anzulegen. Es drohen
unangenehme Auseinandersetzungen und langwierige Prozesse -
im Extremfall gar zerstochene Reifen oder tätliche
Übergriffe abends auf dem Heimweg. Wer ist so mutig,
dies alles auf sich zu nehmen? Zumal,
wenn es hart auf hart kommt, nachträglich noch schwer
widerlegbare Ausreden präsentiert werden
(Unpässlichkeit, vergessene Termine, Einladung nicht
erhalten usw.). Unter
den Arbeitsverweigerern hat sich mittlerweile die
"Depression" als neues Zauberwort emanzipiert. Wer sich als
depressiv outet, wird betütelt und bemitleidet und muss
kaum noch damit rechnen, irgendwelche Leistungen erbringen
zu müssen. In
einem Fernsehbeitrag von 3. März 2010 schilderte das
ZDF einen exemplarischen Fall: Eine in Berlin lebende
Ausländerfamilie, die völlig von Hartz IV lebt.
Der etwa 35jährige Vater konnte bislang wegen seiner
Depression keinerlei Arbeit nachgehen - aber er hatte doch
die Kraft, in den letzten Jahren erfolgreich 10 bis 15
Prozesse gegen diverse Hartz-IV-Bescheide zu
führen. Schlimm
genug, wenn gestandene Politiker auf ihre selbsterdachten
Phrasen ("Fördern und Fordern") hereinfallen, weil
ihnen einfach der Sinn für jegliche Realität
abhanden gekommen ist. Mit
Hartz IV wollte man den Druck auf die Arbeitslosen
erhöhen, doch dieser Druck wurde sehr ungleich
verteilt. Verlierer
sind vor allem die Ein- und Zweipersonenhaushalte. Bei
Arbeitsverlust fallen sie in ein tiefes Loch, vor allem wenn
sie sich nach jahrzehntelanger Arbeitsleistung ein
bescheidenes Vermögen angespart haben. Nach Ablauf von
Alg I erhalten sie (wenn sie die Freibeträge
überschreiten) keine Unterstützung und müssen
von ihrem Ersparten leben. Wer
dagegen in seinem Leben kaum gearbeitet oder alles verprasst
hat, wird belohnt. Nach Ablauf des Alg I erhält er Alg
II, was zwar nicht viel ist, aber doch zum Nötigsten
reichen dürfte. Besser
dran als Kleinhaushalte sind Erwerbslosenfamilien mit
Kindern. Je höher die Personenzahl, desto mehr Gelder
fließen. Für viele Väter oder Mütter
lohnt es sich finanziell kaum noch, einen
versicherungspflichtigen Vollzeitjob anzunehmen, wie die
nachstehende Tabelle verdeutlicht. Ab
welchem Bruttostundenlohn lohnt sich die
Arbeitsaufnahme? Haushaltsgröße
der Erwerbslosen Ein
Vollzeitjob lohnt sich ab diesem Stundenlohn
(brutto) in Euro Einpersonenhaushalt
mit in langen Jahren angespartem anrechenbaren
Vermögenswerten ca.
3,- Zweipersonenhaushalt
mit in langen Jahren angespartem anrechenbaren
Vermögenswerten ca.
3,- Vierpersonenhaushalt
(Eltern mit 2 Kindern) mit in langen Jahren
angespartem anrechenbaren
Vermögenswerten ca.
3,- Einpersonenhaushalt
ohne anrechenbares Vermögen ca.
6,- Zweipersonenhaushalt
ohne anrechenbares Vermögen ca.
10,- Dreipersonenhaushalt
ohne anrechenbares Vermögen ca.
13,50 Vierpersonenhaushalt
ohne anrechenbares Vermögen ca.
17,- Die
obigen Zahlen sind nur Anhaltswerte. Sie lassen sich leider
nicht genauer beziffern, weil die sozialen Hilfsangebote
unterschiedlich genutzt werden. Was
die obige Tabelle demonstriert: Die Arbeitsanreize und damit
auch der Druck auf die Erwerblosen ist je nach
Haushaltsgröße sehr unterschiedlich. Gerade bei
den Familien mit Kindern, wo Erwachsenen eine große
Vorbildfunktion zukommt, gibt es oft kein vernünftiges
Lohnabstandsgebot
(eher
das Gegenteil ist der Fall). Somit
erklärt sich auch, warum viele Erwerbslose sich
ausbeuten lassen und für drei oder vier Euro die Stunde
malochen, während andere generös selbst
gutbezahlte Vollzeitjobs ablehnen. Wenn
Politiker und Journalisten behaupten, durch Hartz IV wurde
quasi ein indirekter Mindestlohn von 5 Euro brutto
eingeführt (ab diesem Niveau erst wird die
Arbeitsaufnahme interessant), ignorieren sie die
gravierenden Unterschiede. Durch
die
Abschaffung
der Importzölle
hat
der Staat seine Bevölkerung in einen unbarmherzigen
globalen Dumpinglohnwettbwerb getrieben. Ich kann verstehen,
wenn Erwerbslose nicht bereit sind, diesen gravierenden
Systemfehler auszubügeln. Was
erwartet man eigentlich? Hält man Erwerbslose für
blöd? Erwartet man von den Betroffenen selbstlose
Aufopferung, nur um den Staat (dem sie zum großen Teil
ihre missliche Lage verdanken) dienlich zu sein? Ohne
Abbau der Zölle gäbe es in Deutschland
genügend Arbeitsplätze, auch im unteren
Qualifikationsbereich - bei
etwa
doppelt
so hohen Löhnen.
Warum das
so ist... Als
die Schröder-Regierung 2004 das
"Reformwerk"
Hartz
IV
aus der Taufe hob, ging es ihr viel zu sehr um das
"Fordern", also um die Erhöhung des Drucks auf die
Arbeitslosen. Umgekehrt
aber, wenn genügend Arbeitsplätze vorhanden sind,
ist der Druck völlig überflüssig - dann
löst sich das Problem von ganz allein. Ein Land mit
Vollbeschäftigung braucht keine
Hartz-IV-Gesetze. Weil
man offenbar nicht bereit war, sich von der deutschen
Exportabhängigkeit allmählich zu lösen und
durch eine schrittweise Anhebung der Zölle (oder
der
Mehrwertsteuer)
einen intakten Binnenmarkt zu schaffen, hatte man den
Schwarzen Peter kurzerhand den Arbeitslosen zugeschoben. Ich
halte das auch heute noch für schäbig! Kommentar
zu diesem Artikel (Nr. 629) abgeben? Eingangsseite
www.grundeinkommen-buergergeld.de ©
Manfred J. Müller, Flensburg
Manfred
Julius Müller
analysiert
seit 30 Jahren weltwirtschaftliche Zusammenhänge und
veröffentlicht tabulose Aufsätze zu brisanten
Themen. Er entwickelte neue Wirtschaftstheorien, die
weltweit Maßstäbe setzten und in manchen
Ländern in wichtigen Bereichen die Gesetzgebung
beeinflussten. Seine Websites erreichen im Jahr etwa eine
Million Besucher. Inzwischen sind auch einige Bücher
erschienen, u. a. die
Trilogie
"DAS KAPITAL". Grundeinkommen Die
Vor- und Nachteile
des

Gibt
es seit Hartz IV keine Arbeitsverweigerer mehr?
Was
tun, wenn der Arbeitsverweigerer Gebrechen
vortäuscht?
Januar
2010: Ein Berliner Reinigungsunternehmen sucht 100
Reinigungskräfte...
In der Stadt beziehen 250.000 Erwerbslose Alg I oder II,
insgesamt gibt es dort 440.000 Hartz-IV-Bezieher.
Auch lässt sich die ablehnende Haltung beim
Bewerbungsgespräch kaum nachweisen. Welcher
Personalchef zeichnet die Gespräche schon auf, welcher
Unternehmer hat Lust auf juristische
Streitigkeiten?Depression
- die neue Volkskrankheit?
Sicher gibt es ernsthaft Erkrankte, die unser
gesellschaftliches Schutzsystem dringend benötigen.
Aber wer mit einer vorgetäuschten Depression
Schindluder treibt, kann schwerlich überführt
werden.Fördern
und Fordern - ein selten dümmlicher
Leitspruch...
Noch schlimmer aber, wenn sie selbst heute noch an die
Wirkung der Sanktionen gegen Arbeitsverweigerer glauben und
dem Volk vortäuschen wollen, alles funktioniere
bestens.Hartz
IV schafft eine neue Klassengesellschaft!
Der
viel beschworene Druck auf die Erwerbslosen
verteilt sich sehr ungleich!
Wenn Vermögenslose das Sozialsystem voll auskosten,
liegen die Einstiegshürden für die Aufnahme einer
rentablen Arbeit weit höher. Das gleiche gilt für
diejenigen, die ihre Sozialhilfen durch Nebenjobs aufbessern
und erst recht natürlich für diejenigen, die
nebenbei schwarz arbeiten. (Übrigens soll es in Berlin
auf dem Bau genausoviel Schwarzarbeiter wie regulär
Beschäftigte geben.)
Die magische Zahl von 5 Euro gilt eben nur für
vermögenslose Einpersonenhaushalte.Darf
man Erwerbslosen verdenken, wenn sie unrentable Arbeit
ablehnen?
Ergänzende
Abhandlung gegen hartnäckige
Vorurteile:
"Aber
eine Zollanhebung geht doch nicht, wir leben doch vom
Export!"Der
Geburtsfehler von Hartz IV
Ich halte diesen Grundansatz noch heute für völlig
falsch: Ohne Schaffung von Arbeitsplätzen macht der
Druck keinen Sinn, sondern führt nur zur Senkung des
allgemeinen Lohnniveaus.
Ab
sofort im Internet-Buchhandel lieferbar:
bedingungslosen
Grundeinkommens
Die
Entmachtung des
Kapitals
Was
tun gegen die
Kinderarmut?
Wieviel Luxus braucht
der junge Mensch?
Gibt
es seit Hartz IV keine Arbeitsverweigerer
mehr?
Funktioniert
das
Lohnabstandsgebot?
Lohnt sich Arbeit
wirklich noch?
Ökosteuer:
In 20 Jahren
unabhängig
vom Erdöl!
Könnte
Deutschland
binnen zweier Jahrzehnte
völlig ohne Erdöl
auskommen?
Staat,
Recht und Moral
am
Beispiel des
Konjunkturprogramms...
Rettungsanker
Bildungsoffensive?
Haben
wir einen Bildungs-
notstand, brauchen wir
mehr Akademiker
Der
Fluch der
Globalisierung...
Sollen
Billigjobs
subventioniert
werden?
Warum
sinken seit 1980
die Reallöhne?
Brauchen
wir
mehr
Einwanderer?
Ist
eine
Mehrwertsteuer-
erhöhung
unsozial?
Verdanken
die Deutschen ihren Wohlstand der EU, dem Euro, der
Globalisierung und den Türken?